Von linear zu zirkulär – warum wir eine Kreislaufwirtschaft brauchen
Eine moderne Kreislaufwirtschaft (oder auch Circular Economy) hat das oberste Ziel den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, indem Materialien und Produkte möglichst lange genutzt und wiederverwertet werden.
In der derzeitigen linearen Wirtschaft, oft auch als Wegwerfgesellschaft genannt, werden Rohstoffe der Umwelt entnommen und nach meist kurzer Nutzungsdauer im Abfall dauerhaft entsorgt. Im Gegensatz dazu, setzt eine zirkuläre Wirtschaft auf Nachhaltigkeit und Regeneration. Sie hat das Ziel, den Verbrauch natürlicher Rohstoffe wie Biomasse, Metalle, Mineralien, Wasser, fossile Brennstoffe und Baumaterialien auf ein Minimum zu reduzieren, um innerhalb der planetaren ökologischen Grenzen zu wirtschaften und den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen gerecht zu werden.
Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling!
Ja, im Recycling und der getrennten Sammlung von Abfällen stehen wir in Deutschland und München im internationalen Vergleich sehr gut da, sind selbsterklärter „Recycling-Weltmeister“. Aber Kreislaufwirtschaft ist viel mehr als Recycling! Sie setzt sinnvollerweise viel früher im Produktlebenszyklus an, nämlich am Anfang, wenn die Produkte geschaffen, also entworfen und designt werden, achtet auf die Auswahl an natürlichen oder sekundären Rohstoffen, eine Produktgestaltung die langlebig und reparierbar ist, sie hat dabei zirkuläre Geschäftsmodelle, wie Sharing, und sowohl die Herstellung als auch die spätere Nutzung im Blick.
Ressourcen reduzieren - aber wie?
Die 10-R-Strategien der Kreislaufwirtschaft
Konkrete Ansatzpunkte, um den Übergang von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft und Gesellschaft zu unterstützen, liefern die sogenannten 10R-Strategien und der Grad der Zirkularität für den diese stehen. Dieser wird anhand einer umgekehrten Pyramide dargestellt und nimmt von R0 Refuse bis R9 Recover zunehmend ab.
Die R-Strategien helfen zum einen bei der Produktentwicklung, indem das Produkt, sein Herstellungsprozess und seine Nutzung unter Betrachtung dieser Strategien analysiert wird. Sie können aber auch für bestehende Produkte angewandt werden und fordern die Nutzer*innen auf, ihre Praktiken zu verbessern: Kann ich meine Kleidung reparieren und so länger nutzen? Kann ich meine Bohrmaschine mit anderen teilen oder einfach eine leihen statt sie zu kaufen?
Refuse
Hierbei wird das Produkt selbst oder auch seine Verpackung abgeschafft. Die Frage dahinter ist, ob der Nutzen, der von diesem Produkt ausgeht, nicht auch anders bedient werden kann – oder ob er überhaupt einen hat. Muss z. B. mein Gemüse nochmal in Plastik verpackt sein oder können wir das nicht weglassen und so Ressourcen komplett einsparen? Digitalisierung kann auch dabei helfen ein physisches Produkt abzuschaffen, z. B. bei Musik-Streaming, für das es keine CDs mehr braucht.
Rethink
Produkte, Herstellungsprozesse aber auch die Nutzung neu und ressourcenschonend zu denken, ist das Fundament einer Circular Economy. Wie kann z. B. die Nutzungsintensität erhöht werden, so dass auch hier Ressourcen geschont werden? Eine Möglichkeit ist, etwas nicht selbst zu besitzen, sondern es durch Sharing-Angebote wie ein Fahrrad mit anderen zu teilen. Auch kann ein Produkt verschiedene Nutzungsmöglichkeiten anbieten, durch modulares Design oder durch verschiedene Funktionen.
Reduce
Bei diesem Prinzip kommt es darauf an den Einsatz von Ressourcen insgesamt zu reduzieren. Können Bestandteile, beispielsweise bei einer Verpackung, weggelassen werden? Oder können beim Herstellungsprozess Materialien und Energie eingespart werden?
Reuse
Die Wiederverwendung eines Produkts steht hier im Fokus. Das
Produkt wird unverändert an Dritte weitergegeben. Second-Hand-Mode,
Pfandsysteme und Gebrauchtwaren sind hierfür gängige Beispiele, doch lässt sich
auch dieses Prinzip auf viele weitere Produkte anwenden und neu denken. Was
können wir noch mit anderen teilen und welche Möglichkeiten haben wir,
Vorhandenes mit andern zu teilen? Eine Sharing-Plattform oder eine
Nachbarschaftsinitiative beispielsweise?
Repair
Dinge die kaputt sind zu warten und zu reparieren mag uns nicht wie ein Novum erscheinen, doch ist dies eine Praxis, die viele von uns verlernt haben. Das liegt auch daran, dass viele Produkte schlecht reparierbar sind oder schneller kaputt gehen. Hinzu kommt, dass ein Neukauf oft günstiger ist als eine Reparatur. Dies gilt es sowohl politisch (Recht auf Reparatur) als auch durch ein Design, das Reparierbarkeit ermöglicht, zu ändern.
Refurbish
Statt ein neues Produkt zu kaufen, ist es oft sinnvoll ein vorhandenes Produkt wieder auf den neuesten Stand zu bringen und weiter zu nutzen. Dies betrifft technische Geräte wie Handys ebenso wie Gebäude oder auch Möbel, die restauriert werden.
Remanufacture
Gebrauchte, aber voll funktionsfähige Produktbestandteile werden für ein Produkt mit derselben Funktion genutzt, z. B. ein Hosenknopf oder ein Motor. Manche von uns kennen dies von einer Autoreparatur, wenn wir die Möglichkeit haben bestimmte Ersatzteile von einem Gebrauchtwagen in unser Auto einbauen zu lassen.
Repurpose
Statt funktionierende Ersatzteile und Produktkomponenten für ein Produkt mit derselben Funktion zu nutzen, kann man sie auch verwenden, um ein gänzlich neues Produkt damit zu erschaffen. Unter dem Begriff „upcycling“ werden z. B. aus alten LKW-Planen regenfeste, neue Taschen. Auch kann der Repurpose – also etwas einem neuen Zweck zuführen – nicht nur Komponenten, sondern das ganze Produkt betreffen, wenn z. B. eine alte Badewanne als Pflanzkasten zur Gemüsezucht genutzt wird.
Recycle
Unseren Müll zu trennen, um ihn dem Recycling zuzuführen, ist eine Praktik, die wir täglich anwenden. Beim Recycling geht es nicht mehr darum die Produkte selbst, sondern nur noch die Materialien, aus denen sie bestehen in einen Kreislauf zurückzuführen. Für Glas, Papier und Metall funktioniert dies zwar sehr gut, aber ein Großteil unserer Abfälle, nämlich Plastik und Verbundstoffe, können nicht ausreichend recycelt werden. Ursächlich ist auch hier ein mangelhaftes Design, das eine Recyclingfähigkeit nicht mitgedacht hat. Daher gilt es Produkte zu schaffen, die mit geringem Energieaufwand gut zu recyceln sind.
Recover
Im engeren Sinne ist diese Maßnahme nicht als zirkulär einzuordnen, da die Materialien hierbei nicht zurück in einen Materialkreislauf gelangen. Reststoffe, die nicht recycelt werden können, werden bei diesem Prinzip zur Energiegewinnung thermisch verwertet, also verbrannt. Diese R-Strategie gilt es weitgehend zu vermeiden und die vorhergehenden R-Strategien bestmöglich umzusetzen.